Protokoll

Die Geschichte der Drei Gefährten

Die Geschichte der Drei Gefährten

Arc I - Eichenfurt und der Nebel

Kapitel 1 - Der Schmied, der Priester und der Magier

In Eichenfurt begann die Geschichte nicht mit einem Schwur. Niemand hob ein Banner, niemand legte die Hand auf eine heilige Klinge, niemand sagte den drei Männern, dass sie einander einmal durch Blut, Nebel und Feuer tragen würden. Es war ein Dorf am Silvanfluss, klein genug, dass ein Streit am Morgen abends in jeder Stube anders erzählt wurde, und groß genug, dass man Menschen ausweichen konnte, solange man wusste, wann sie ihre üblichen Wege gingen.

Michal kannte solche Wege. Er kannte die Straße zur Schmiede, die Stimmen der Kinder, das Gewicht eines Hammers und den Geruch von Eisen, wenn es heiß genug war, um nachzugeben. Eisen war ihm lieber als viele Menschen. Es log nicht. Es behauptete nicht, stark zu sein, wenn es spröde war. Es brach, wenn man es falsch behandelte, und wurde brauchbar, wenn man Hitze, Geduld und Kraft richtig einsetzte.

Er war ehemaliger Söldner und Schmied, und das Dorf wusste beides. Die einen sahen in ihm den Mann mit den breiten Schultern, der einen Wagen anheben konnte, wenn ein Rad brach. Die anderen sahen in ihm den Mann, der im Krieg gewesen war und manchmal zu lange schwieg, wenn jemand nach früher fragte. Kinder liefen trotzdem zu ihm. Vielleicht, weil er selten schöne Worte machte. Vielleicht, weil sie merkten, dass er sich zwischen sie und die Welt stellen würde, ohne erst zu fragen, ob es sich lohnte.

Heinard stand in der Kapelle. Sein Glaube war kein weiches Tuch, mit dem man Angst zudeckte, sondern Arbeit. Man musste ihn tragen, prüfen, reinigen. Er sprach von Jelen, von Luna, von den alten Herrinnen, und wer nur Trost suchte, fand bei ihm Trost. Wer Entschuldigung suchte, fand wenig. Wenn Heinard betete, bat er nicht nur. Er hielt Gericht über sich selbst, über die Welt und über alles, was sich zwischen Licht und Mensch stellte.

Malduk lebte oben im alten Wehrturm. Er war kein Mann, der Nähe als natürlichen Zustand betrachtete. Nähe musste begründet sein. Gespräch musste Nutzen haben. Gefühle waren nicht nutzlos, aber oft unpräzise, und Unpräzision war gefährlich. Das Dorf nannte ihn grimmig, und wie so oft war das Wort nicht ganz falsch, aber zu bequem. Malduk war ein Mann, der gelernt hatte, dass Menschen Türen öffnen konnten, hinter denen nichts Gutes wartete. Also öffnete er seine eigenen nur langsam.

Sie waren Nachbarn. Keine Freunde. Nicht einmal Verbündete. Drei Männer im selben Dorf, jeder mit seiner eigenen Art, den Tag zu überstehen.

Dann kamen die Schattenhunde.

Zuerst bellten die Hunde im Dorf. Dann hörten sie auf. Das war schlimmer. Stille fiel über Eichenfurt, und im nächsten Augenblick riss ein Schrei durch die Gasse bei der Schmiede. Michal war draußen, bevor jemand seinen Namen rief. Er hatte den Hammer noch in der Hand, weil eine Waffe nicht elegant sein musste, wenn sie rechtzeitig da war.

Ein Schatten sprang aus dem Nebel zwischen zwei Häusern. Er hatte die Form eines Hundes, aber nicht die Wahrheit eines Tieres. Seine Ränder waren unruhig, als wüsste die Welt nicht, ob sie ihn festhalten wollte. Michal stellte sich vor eine Frau, die ihr Kind an sich presste.

"Rein", sagte er.

Die Frau starrte.

"Jetzt."

Sie lief.

Heinard trat aus der Kapelle, und seine Wut war nicht laut. Sie war ein kalter, klarer Schnitt. Er sah den Schattenhund, sah die Menschen hinter sich, sah die Angst in den Gesichtern und hob das heilige Zeichen. Sein Gebet kam nicht wie eine Bitte, sondern wie ein Befehl an die eigene Furcht, sich nicht in den Weg zu stellen.

Malduk erschien zuletzt. Der Mantel war nicht richtig geschlossen, sein Gesicht sagte deutlich, dass er den Angriff für eine persönliche Unverschämtheit der Wirklichkeit hielt. Wasser stieg aus einem Trog, zog sich zu einem Band zusammen und schnitt durch die feuchte Luft.

Die Schattenhunde jagten nicht nur Körper. Sie jagten Mut. Wo sie vorbeikamen, wurden Hände schwach und Stimmen klein. Michal schlug zu, weil der nächste Augenblick sonst einem Kind gehört hätte. Heinard sprach Jelens Namen, bis Menschen wieder atmeten. Malduk rechnete Winkel, Entfernungen und Wahrscheinlichkeiten, bis ein Schatten in nassen Fetzen auseinanderflog.

Am Ende lebte Eichenfurt. Die Toten waren weniger, als es hätten sein können. Aber seit jenem Tag wusste jeder im Dorf, dass unter der Haut der Welt etwas kratzte.

Die Spur führte zur Uralten Eiche und zum Weißen Hirsch. Das Wesen stand zwischen den Stämmen, weiß wie Schnee unter Mondlicht, nicht zahm, nicht wild, nicht ganz von dieser Welt. Michal griff seine Waffe fester. Heinard wurde still. Malduk sah zu lange hin.

Der Hirsch führte sie weiter, oder vielleicht folgten sie nur, weil keiner von ihnen stehen bleiben konnte.

Dann kam der Nebel.

Er kroch nicht heran. Er nahm. Er nahm Felder, Häuser, Stimmen, den Silvanfluss, die vertrauten Ränder der Welt. Michal ging voran, weil irgendwer vorangehen musste. Heinard folgte, weil man die Dunkelheit nicht allein mit Männern wie Michal verhandeln ließ. Malduk blieb einen Atemzug zurück und sah in Richtung Eichenfurt. Grenzen, die sich ohne Erlaubnis bewegten, waren nie natürlich.

Dann trat auch er hinein.

Hinter ihnen lag Eichenfurt. Vor ihnen lag Barovia.

Intermezzo - Was der Nebel nahm

Der Nebel nahm keine drei Helden.

Er nahm einen Schmied, der zu oft gewusst hatte, wie schwer ein toter Körper ist. Er nahm einen Priester, der noch glaubte, dass Ordnung nicht dasselbe sein darf wie Gehorsam. Er nahm einen Magier, der sich hinter Urteilskraft versteckte, weil Hoffnung ohne Beweise unanständig war.

Was er nicht nahm, war die Gewohnheit, stehen zu bleiben, wenn andere Schutz brauchten.

Das sollte Barovia noch bereuen.

Arc II - Haus Alkir

Kapitel 2 - Die Kinder vor der Tür

Die ersten Stimmen in Barovia gehörten Kindern.

Rose und Dorn standen vor einem Haus, das zu still war, um leer zu sein. Rose sprach höflich, beinahe erwachsen, mit jener angespannten Tapferkeit, die bei Kindern immer wie eine Anklage klingt. Dorn hielt sich an ihr fest. Er sah nicht aus wie ein Junge, der nur Angst hatte. Er sah aus wie einer, der gelernt hatte, dass Angst allein Erwachsene nicht schnell genug macht.

"Unsere Eltern sind oben", sagte Rose. "Unser kleiner Bruder auch."

Michal sah zum Haus. Seine Hand schloss sich um den Griff der Waffe. "Dann holen wir sie raus."

Malduk drehte den Kopf langsam zu ihm. "Das ist eine Behauptung, keine Untersuchung."

"Dann untersuch du. Ich geh rein."

Heinard trat zwischen beide, ohne das Haus aus den Augen zu lassen. "Wir gehen hinein. Wenn dort Schuld ist, bleibt sie nicht unbeachtet."

Haus Alkir war kein Ort, den man betrat. Es war eine Schuld, die sich Raum für Raum erklärte. Im Erdgeschoss lagen Briefe, Urkunden, Spuren von Geld und Macht, ein Testament, ein Siegel, ein Skelett in Lederrüstung. Die Luft stand nicht einfach. Sie wartete.

Michal ging voran, mit der nüchternen Erwartung, dass jedes Möbelstück Ärger machen konnte. Heinard betrachtete die Zeichen der Familie, die Hinweise auf Opfer, auf Gier, auf Verfall, und mit jedem Zimmer wurde seine Wut schwerer. Malduk blieb an Linien im Staub stehen, an kleinen Unstimmigkeiten, an magischen Resten, die für andere nicht mehr gewesen wären als ein ungutes Gefühl.

In den oberen Stockwerken fanden sie die Wahrheit über Rose und Dorn. Die Kinder waren tot. Ihre kleinen Skelette lagen noch im Haus, vergessen von allen, außer von dem Haus selbst.

Dorn klammerte sich an Michal. Dann war er in ihm.

Michal stand reglos da. Sein Körper blieb groß, stark, brauchbar. In seiner Brust war plötzlich nicht nur sein eigener Herzschlag. Da war ein kleiner Junge, der Angst hatte, vergessen zu werden.

"Ich bring euch hier raus", sagte Michal.

Malduk sah ihn an, als wolle er erklären, warum solche Versprechen unklug waren. Dann schwieg er. Es gibt Sätze, die logisch betrachtet zu groß sind. Und es gibt Augenblicke, in denen Logik nur beweist, dass sie nicht genügt.

Unter dem Haus lagen die Katakomben. Dort hörte die Fassade auf. Kein Holz, keine Briefe, keine Zimmer, in denen man sich noch vorstellen konnte, jemand habe es nicht besser gewusst. Nur Stein, Gräber, Knochen, Ghule und die Überreste eines Kultes, der Menschenopfer als Methode verstanden hatte.

Heinard ging hinab, und jeder Schritt machte die Luft enger. Er betete nicht laut. Noch nicht. Seine Hand lag auf dem heiligen Zeichen, als müsse er es zurückhalten.

Dann kamen die Ghule.

"Runter!", rief Michal.

Heinard duckte sich. Michals Schlag fuhr über ihn hinweg und traf ein bleiches Gesicht. Knochen brachen. Malduk fluchte leise, ein trockenes, verärgertes Wort, und Wasser sammelte sich zu einer scharfen Bahn. Der Kampf war eng, schmutzig, schlecht berechenbar. Für Malduk war das ein persönlicher Fehler des Raumes.

Dann traf ihn etwas.

Er fiel nicht dramatisch. Er fiel wie ein Körper fällt, wenn die Entscheidung nicht mehr beim Geist liegt.

Michal war sofort bei ihm. Heinard stellte sich darüber, groß, wütend, verletzlich, und sein Gebet schnitt durch das Kreischen der Ghule. Es war kein schöner Klang. Es war ein Mann, der sich weigerte, einen weiteren Toten zuzulassen.

Sie überlebten.

Als Haus Alkir hinter ihnen zerfiel, blieb kein Triumph. Rose und Dorn fanden Ruhe. Michal trug noch immer etwas von Dorns Gewicht. Heinard schwieg länger als sonst. Malduk sah das Haus an, als habe es ihn beleidigt und müsse sich dafür irgendwann verantworten.

"Das war kein Sieg", sagte er.

Michal wischte Blut von seiner Hand. "Aber wir sind raus."

Heinard sah zum Schutt. "Und sie nicht mehr dort unten."

Das war der erste Faden zwischen ihnen. Kein Band aus Freundschaft. Noch nicht. Eher Draht: dunkel, scharf und belastbar.

Arc III - Dorf Barovia

Kapitel 3 - Donavichs Schweigen

Die Straße nach Barovia (Dorf) führte tiefer unter den Schatten von Schloss Rabenhorst. Die Häuser des Dorfes standen wie Menschen, die sich zu lange geduckt hatten. Fenster starrten schwarz auf die Straße. Schlamm zog an den Stiefeln. Irgendwo weinte jemand hinter einer geschlossenen Tür, und niemand drehte sich danach um.

Sie trafen Ismark Kolyanowitsch und Ireena. Ismark war müde auf die Art, wie Männer müde werden, die seit Tagen entscheiden müssen, obwohl es keine guten Entscheidungen mehr gibt. Ireena stand aufrecht, aber in ihren Augen lag Wachsamkeit wie eine gezogene Klinge. Strahd wollte sie. In Barovia war das keine Drohung, sondern ein Urteil, das nur noch vollstreckt werden musste.

Ismark bat sie, Ireena nach Vallaki zu bringen. Zuerst aber musste ihr Vater Koljan Indirowitsch bestattet werden.

Darum gingen sie zur Kirche.

Schon von außen sah die Kirche von Barovia nach einem Ort aus, den niemand mehr pflegte, weil alle zu beschäftigt waren, nicht zu zerbrechen. Das Dach war beschädigt, das Holz aufgequollen, die Tür schwer vor Feuchtigkeit. Heinard blieb davor stehen. Sein Blick wanderte über das vernachlässigte Gebäude, und seine Schultern spannten sich.

Für Michal war es ein kaputtes Gotteshaus. Für Malduk war es ein Hinweis auf Verfall, schlechte Aufsicht und vermutlich noch etwas darunter. Für Heinard war es eine Anklage.

Er drückte die Tür auf.

Vater Donavich kniete vorn, die Hände um den Rosenkranz geschlossen. Eingetrockneter Schweiß lag auf seiner Stirn. Seine Lippen bewegten sich unermüdlich, aber die Worte kamen nicht mehr wie Gebete. Sie kamen wie die Schritte eines Mannes, der im Kreis lief, weil er den Ausgang nicht ertrug. Die Kerzen waren heruntergebrannt, das Holz feucht, der Altar vernachlässigt.

Heinard ging langsam auf den Priester zu. Mit jedem Schritt hallte seine Wut deutlicher durch die Kirche, nicht laut, aber schwer. Er blieb erst stehen, als Donavich den Kopf hob.

"Vater", sagte Heinard. Das Wort war keine Begrüßung. "Was ist hier geschehen?"

Donavich zog den Rosenkranz an sich, als könne Heinard ihn ihm wegnehmen. "Ich bete. Ich tue, was ich kann. Mehr kann ein Mensch nicht tun, wenn Gott schweigt."

"Euer Gott schweigt nicht, weil diese Kirche morsch ist."

Donavichs Augen flackerten. "Ihr kommt von draußen. Ihr seht Holz, Staub, schlechte Kerzen. Ihr seht einen alten Mann, der zu wenig schläft, und glaubt, ihr wüsstet schon alles. Glaubt mir, ich habe auch gedacht, dass ich alles wüsste. Ich habe geglaubt, Trauer sei etwas, das man mit genug Gebeten tragen kann. Ich habe geglaubt, ein Vater müsse nur standhalten."

Heinard trat einen Schritt näher. "Und? Habt Ihr standgehalten?"

Donavich lachte einmal, trocken und erschöpft. "Nein."

Michal stand im Mittelgang und sah zu den Dielen. Da war ein Geräusch gewesen. Nicht laut. Ein Kratzen vielleicht. Oder ein Atemzug, wo keiner sein durfte. Er hob die Hand, damit die anderen schwiegen.

Malduk, der sich bisher aus der sozialen Lage herausgehalten hatte, richtete den Blick auf den Boden. Nicht, weil er handeln wollte. Weil ein verborgenes Problem endlich eine Form bekam.

Das Kratzen kam wieder.

Unter ihnen.

Ireena wurde blasser. Ismark sah Donavich an, und in seinem Gesicht lag die Erkenntnis, dass er diesen Mann falsch eingeschätzt hatte. Nicht seine Schwäche. Sein Geheimnis.

"Was ist unter der Kirche?", fragte Michal.

Donavich antwortete nicht.

Heinard beugte sich zu ihm hinab. Seine Stimme wurde leiser, und gerade dadurch härter. "Wenn dort unten etwas ist, das Menschen gefährdet, dann endet Euer Schweigen jetzt."

Donavich presste die Augen zusammen. Als er sprach, kam jedes Wort gegen seinen Willen. "Mein Sohn."

Niemand bewegte sich.

"Doru Donavich. Er ist mit anderen gegen Strahd gezogen. Sie wollten das Schloss stürmen. Sie kamen nicht zurück. Ich dachte, er sei gefallen. Das erzählt man sich leichter. Gefallen klingt nach Ende. Dann kam er zurück." Donavich hob die Hand an den Mund, biss auf den Knöchel und fuhr trotzdem fort. "Nicht lebendig. Nicht tot. Hungrig. Er hat geschrien. Nach mir. Nach Blut. Nach Erlösung. Ich habe ihn eingesperrt."

Aus der Tiefe kam ein Schrei.

"Vater!"

Das Wort fuhr durch die Kirche und blieb in allen hängen.

Donavich brach fast nach vorn. Heinard fing ihn nicht auf. Er ließ ihn schwanken, weil Mitleid nicht dasselbe war wie Vergebung.

"Ihr habt ihn dort unten gelassen", sagte Heinard.

Donavich sah zu ihm auf, und jetzt war in seinem Gesicht keine Verteidigung mehr. Nur ein Mensch, der schon so lange mit seiner Schuld eingeschlossen war, dass sie ihm vertraut geworden war. "Ich konnte ihn nicht töten."

Michal ging zur Falltür. Er prüfte Holz, Riegel und Abstand. "Dann machen wir das."

Malduk sah ihn an. "Es ist kein Tier."

"Hab ich nicht gesagt."

"Und kein Sohn mehr."

Michal hielt inne. Das traf. Nicht, weil er widersprechen konnte, sondern weil es stimmte und trotzdem zu wenig war.

Heinard trat zur Falltür. Seine Wut war noch da, aber sie hatte sich verändert. Sie richtete sich nicht mehr nur gegen Donavich. Sie richtete sich gegen ein Land, in dem ein Vater seinen Sohn im Keller verwahren musste wie eine Krankheit. "Wir gehen hinab. Und Ihr kommt mit."

Donavich schüttelte heftig den Kopf.

Heinard packte ihn nicht. Er berührte ihn nicht einmal. Er stellte sich nur vor ihn, groß, zornig und traurig. "Ihr müsst ihn ansehen."

Der Priester sackte zusammen, als hätte dieser Satz ihm den letzten Schutz genommen.

Unten roch es nach Erde, altem Stein und Blut, das zu lange getrocknet war. Doru bewegte sich im Dunkeln. Er war dünn, viel zu schnell, mit Augen, in denen der Hunger jede Erinnerung an Menschlichkeit überstrahlte. Und doch rief er nach seinem Vater, nicht nach einem Opfer. Das machte den Kampf schmutziger.

"Links halten", sagte Michal.

Heinard hob das heilige Zeichen. Sein Gebet war rau, fast gebrochen, und gerade darin lag Kraft. Malduk blieb seitlich, die Finger angespannt, bereit, Wasser und Willen in eine Form zu zwingen, die einem Vampir wenigstens einen Augenblick abkaufte.

Doru stürzte vor.

Er war schneller, als ein Sohn sein durfte.

Der Kampf dauerte nicht lange und fühlte sich trotzdem endlos an. Holz splitterte. Michal wurde zurückgedrängt. Heinards Stimme schwankte, fing sich wieder, stieg. Malduk sah die Möglichkeiten enger werden und entschied sich für die unangenehmste, weil sie die höchste Überlebenswahrscheinlichkeit hatte.

Als der Pflock schließlich traf, stieß Doru keinen monströsen Laut aus. Er atmete aus.

Sein Gesicht entspannte sich.

Donavich kniete neben ihm und legte die Stirn auf die kalte Brust seines Sohnes. Kein Gebet kam mehr. Nur Atem.

Heinard stand über ihm, und alle Wut wich nicht, aber sie wurde still. Er sah die beiden an und verstand, dass Recht manchmal notwendig war und trotzdem keine Wärme gab.

Barovia hatte ihnen eine weitere Regel beigebracht: Erlösung konnte hier aussehen wie Mord, und niemand durfte danach erwarten, sich rein zu fühlen.

Arc IV - Karten, Hexen und der Graf

Kapitel 4 - Die alte Frau und die Straße

Mit Ireena zogen sie weiter. Die Straße wand sich durch Wälder, die zu dicht standen, als würden die Bäume einander vor etwas schützen. An der Ivlis-Kreuzung hing der Nebel niedrig über dem Boden. Raben sahen von Ästen herab. Malduk zählte sie unbewusst und verwarf die Zahl gleich wieder, weil Aberglauben auch dann lächerlich blieb, wenn die Welt ihm ständig Beweise lieferte.

Bei den Blauen Vistani am Tser-Teich fanden sie Feuer, Lachen und Musik. Das machte den Ort nicht sicher. Nur lebendiger. Petra sprach von Wein, von Wegen, von Vallaki und der Alten Windmühle, vor der man sich besser fernhalte. Die Vistani sahen die drei Männer an, als seien sie bereits Teil einer Geschichte, die nur sie selbst noch nicht kannten.

Dann führte man sie zu Madame Eva.

Sie saß in ihrem Zelt wie eine alte Königin ohne Reich. Ihre Augen waren weiß, aber sie sah zu genau. Die Karten lagen zwischen ihnen, und als sie sie berührte, wurde das Zelt leiser. Sogar Michal, der Wahrsagerei eher als Geschäft mit leichtgläubigen Menschen betrachtete, verschränkte die Arme und sagte nichts.

Madame Eva legte Karte um Karte.

Ein junger Adliger in Vallaki, der nach Macht und Anerkennung strebe. Ein Buch, das nützlich sein werde. Ein Gehängter. Ein Held dort, wo der einzige Mann ruhe, den Strahd je beneidet habe. Leo der Löwe, ein Name wie ein Stein unter Wasser. Jedes Bild war halb Rätsel, halb Drohung.

Heinard hörte mit unbewegtem Gesicht zu, aber seine Finger lagen fest um das heilige Zeichen. Michal fragte nach dem, was man tun könne. Malduk fragte nach dem, was sich überprüfen ließ. Madame Eva beantwortete beides und keines von beidem.

Am Ende weinte sie Blut.

Das beeindruckte sogar Malduk, der Blut aus Augen grundsätzlich für einen schlechten Zustand hielt und für eine noch schlechtere Gesprächsgrundlage.

Sie zogen weiter zu den Tser-Fällen, zur Uralten Steinbrücke, zu einem Fischer, einem Wels, einem Elementar und Gargylen aus Stein. Barovia war kein Land aus Orten. Es war ein Land aus Prüfungen, und jede Prüfung tat so, als sei sie zufällig auf die Straße gefallen.

An der Hexenmühle wurde diese Wahrheit grausam. Bella, Offilia und Morganta waren keine Märchenhexen, sondern etwas Alltäglicheres und dadurch Schlimmeres: Wesen, die Hunger, Kinderleid und alte Pakte in Geschäft verwandelten. Michal hasste daran nicht nur die Grausamkeit. Er hasste die Buchhaltung. Dass man aus Kindern Preise machen konnte. Dass jemand das tat und danach eine Tür abschloss, als sei es nur Arbeit.

Heinard ging mit jedem Schritt schwerer. Wenn sein Glaube Licht war, dann nicht, weil er die Dunkelheit nicht sah. Sondern weil er sie sah und ihr trotzdem widersprach.

Malduk suchte in den Legenden der Fey nach Sinn. Er mochte es nicht, wenn Geschichten Macht hatten. Geschichten waren unpräzise, widersprüchlich und schwer zu widerlegen. Leider waren sie in Barovia oft die einzige Form, in der Wahrheit lange genug überlebte, um gefunden zu werden.

Die Mühle brannte.

Im Heiligtum trafen sie auf Graf Strahd selbst.

Er kam nicht wie ein Monster aus der Dunkelheit. Er kam wie ein Herr, der wusste, dass das ganze Tal ihm gehörte. Vor ihm wurde Mut zu etwas Leisem: stehen bleiben, zuhören, nicht knien. Später betrogen sie ihn mit einer List und verließen das Heiligtum. Aber alle drei wussten, dass Strahd alles bemerkte und wenig vergaß.

Intermezzo - Was Strahd sah

Strahd sah keinen Sieg.

Er sah drei Werkzeuge, die sich noch nicht für Werkzeuge hielten. Einen Schmied mit Krieg in den Knochen. Einen Priester, der seinen Göttern mehr zutraute, als dieses Land erlauben wollte. Einen Magier, der glaubte, Abstand sei Schutz.

Er sah Ireena.

Und er sah, dass die drei Männer bei ihr blieben.

Das machte sie nicht gefährlich, noch nicht. Aber interessant.

In Barovia ist das oft schlimmer.

Arc V - Wölfe, Weiler und der Weiße Hirsch

Kapitel 5 - Rechtspruch

Die Spur führte zu den Werwölfen. In ihrer Höhle wurde aus Jagd beinahe Verlorenheit. Der Fluch machte aus Körpern Waffen und aus Rudeln Gerichte. Malduk wechselte die Seite, nicht aus Verrat, sondern weil Zwang, Magie und Schuld die Linien verwischten. Michal sah das und mochte es nicht. Nicht, weil er einfache Antworten liebte. Weil er wusste, dass Menschen sterben, wenn zu viele kluge Gründe in einem Raum stehen.

Es kam zum Rechtspruch, zu heiligem Wasserschleier, zu Szlata, die vom Weiler erzählte. So erreichten sie einen Ort, der noch einmal anders verwundet war: nicht nur durch Strahd, sondern durch Rituale, Zorn, Geister und den Weißen Hirsch, dessen Bedeutung tiefer in die Geschichte griff, als Malduk lieb sein konnte.

Grusha sprach von einem Ritual.

Bran wurde wütend.

Der erste Versuch scheiterte.

Nicht auf eine Art, über die man später gern sprach. Der Kreis brach nicht einfach. Er widersprach. Geister und Tote drängten heran, Entscheidungen wurden eng, und die drei Gefährten lernten, dass ein heiliger Ort nicht automatisch ein sicherer Ort ist. Sie waren erschöpft, verletzt, ausgehöhlt. Der Weiler bebte vor Angst. Ireena war bleich. Grusha war am Rand ihrer Kraft.

Malduk war halb tot.

Sie standen dort, und für einen Moment sagte niemand etwas. Das Schweigen war nicht Zustimmung. Es war Kapitulation, noch nicht ausgesprochen. Michal sah zu Ireena, zu Grusha, zu den anderen, als suche er nach dem nächsten brauchbaren Schritt und finde nur Blut. Heinard atmete schwer. Sein Glaube war noch da, aber er stand in ihm wie ein Mann in Sturmwasser, die Füße im Schlamm, die Hände noch nicht frei.

Malduk hob den Kopf.

Er hätte erklären können, dass die Ausgangslage ungünstig war. Dass Ressourcen, Körperzustand und Störfaktoren gegen einen zweiten Versuch sprachen. Dass der Tod bei Wiederholung keine hypothetische Größe mehr war.

Er sagte: "Wir versuchen es noch einmal."

Michal drehte sich zu ihm. "Du kannst kaum stehen."

"Das ist korrekt."

"Dann setz dich hin."

"Nein."

Heinard sah ihn lange an. "Warum?"

Malduk brauchte einen Augenblick. Nicht, weil er die Antwort nicht wusste. Weil sie ihm nicht gefiel. "Weil die Alternative schlechter ist."

Das war Malduk. Kein Pathos. Keine Fahne im Wind. Eine nüchterne Bewertung am Rand des Todes.

Und doch war es in diesem Augenblick Mut.

Kapitel 6 - Das zweite Ritual

"Links!", rief Michal.

Der erste Zombie kam aus dem Nebel, bevor der Kreis vollständig geschlossen war. Michal riss die Waffe hoch, trat einen Schritt vor und spürte sofort, dass alles schief lief. Nicht später. Nicht langsam. Jetzt. Der Boden war weich von Blut und Regen, Grusha keuchte hinter ihm, Ireena stand zu still, und irgendwo im Dunkel bewegte sich mehr, als sie sehen konnten.

"Nicht in den Kreis!", rief Heinard.

Er rief es nicht panisch. Er war wütend darüber, dass die Welt schon wieder versuchte, einen heiligen Akt in Schlachtvieh zu verwandeln. Seine Stimme schnitt durch das Gedränge, und zwei Dorfbewohner wichen gerade rechtzeitig zurück, als ein Geist-Ritter aus dem Nebel brach.

Michal hatte keine Zeit, schön zu denken. Links. Axt. Fuß weg. Nicht beißen lassen. Er stieß einen Zombie mit der Schulter zurück, fing den nächsten Schlag am Armschutz und trat zu, hart, tief, ohne Eleganz. Einer fiel. Zwei kamen nach.

Im Kreis stand Malduk.

Er stand nicht wie ein Kämpfer. Er stand wie ein Mann, der sich selbst befohlen hatte, nicht zu fallen. Blut klebte an seiner Kleidung. Seine Lippen bewegten sich, und die Worte waren älter als seine Geduld. Er spürte die Linien im Boden, die Kraft des Hirsches, Grushas Stimme, Ireenas Hunger. Er spürte auch die Rechnung, die nicht aufging. Zu viele Angriffe. Zu wenig Schutz. Ein Fehler im Timing. Eine Lücke im Osten.

Die Lücke wurde größer.

Heinard sah sie. Er ging nicht einfach hin. Er trat mit schweren Schritten vor, und mit jedem Schritt wurde seine Wut heller. Nicht blind. Hell. Ein Zorn, der sich in Gebet verwandelte, weil er sonst alles verbrannt hätte.

"Bei Jelen", sagte er, und die Worte standen in der Luft, "nicht einen Schritt weiter."

Michal lachte kurz, heiser, ohne Freude. "Das verstehen die nicht."

"Dann spüren sie es."

Sie spürten es.

Für einen Moment hielten sie.

Malduk sprach weiter. Lange Sätze waren ihm lieber, geordnete Gedanken, klare Herleitungen. Aber unter dem Ritual war kein Platz mehr für eine Abhandlung. Der Weiße Hirsch war kein Werkzeug, das man nahm. Er war ein Blick, unter dem man bestehen musste. Malduk spürte, wie etwas in der Wirklichkeit prüfte, ob sie würdig waren oder nur verzweifelt. Verzweiflung allein genügte selten. Leider war sie gerade reichlich vorhanden.

Ein Schlag kam durch.

Nicht gegen Michal. Nicht gegen Heinard.

Gegen Malduk.

Etwas Kaltes riss ihn aus der Konzentration. Der Schmerz war zuerst nur Information: Seite offen, Blutverlust wahrscheinlich, Konzentration gestört, Ritual instabil. Dann kam der Körper hinterher. Luft weg. Hände weg. Boden nah.

Die Linien flackerten.

"Malduk!"

Heinards Stimme brach nicht. Sie wurde gefährlich.

Michal war schon unterwegs. Er stieß einen Zombie mit dem Ellbogen zur Seite, fing einen Biss am Armschutz ab und trat in die Nähe des Kreises, obwohl alles an diesem Ort schrie, dass man Abstand halten sollte.

"Bleib wach!"

Malduk presste die Hand auf die Wunde. Plötzlich waren seine Gedanken nicht mehr lang. Nicht schön. Nicht vollständig.

Blut. Linie. Falsch.

Er zog die Finger über den Boden, schmierte Rot in die unterbrochene Spur und zwang die Worte weiter. Kein Raum für Theorie. Nur Handlung.

Heinard stand zwischen ihm und dem nächsten Angriff. Licht lief über seine Arme. Das Gebet kam nicht mehr aus dem Mund allein. Es kam aus Schulter, Rücken, Zähnen, Schmerz. Michal schlug links, rechts, wieder links. Er brüllte keine großen Sätze. Nur Richtungen, Warnungen, Namen.

Das Ritual gelang nicht sanft.

Es riss sich durch.

Der Kreis flammte auf. Ireena schrie. Der Weiler schien für einen Atemzug aus der Welt zu kippen. Das Hirsch-Medaillon entstand nicht wie ein Schmuckstück. Es wurde aus Schmerz, Blut, Gebein und Hoffnung geboren. Ein Hirsch im Sprung, hellblaue Augen, weißes Lederband.

Als es Ireenas Blut nahm, wich der Hunger aus ihrem Gesicht.

"Er ist weg", sagte sie.

Niemand jubelte. Michal setzte sich schwer auf einen Stein und hielt den Arm an die Seite. Heinard stand noch immer, weil er sich nicht erlaubte zu fallen. Malduk lag auf dem Rücken und sah in den Himmel.

"Bedeutung", murmelte er.

Michal beugte sich über ihn. "Was?"

"Der Schaden hatte Bedeutung."

"Du bist ein Idiot."

"Möglich."

Zum ersten Mal seit Stunden klang das fast friedlich.

Intermezzo - Was das Ritual bewirkte

Das Medaillon rettete Ireena nicht vollständig.

Es hielt den Hunger zurück. Es gab Zeit. Es machte aus einer Katastrophe einen Aufschub, und in Barovia war das manchmal alles, was ein Wunder leisten konnte.

Der Weiler bezahlte dafür. Grusha bezahlte dafür. Die heilige Kraft wurde schwächer, und jeder, der dort stand, wusste, dass sie nichts umsonst erhalten hatten.

Malduk hatte entschieden, als alle schwiegen.

Das war nicht schön. Nicht heroisch in Liedern. Es war eine blutige, knappe Entscheidung eines Mannes, der kaum noch stehen konnte.

Gerade deshalb blieb sie.

Arc VI - Vallaki

Kapitel 7 - Die Stadt der erzwungenen Freude

Vallaki nannte sich frei. Das war die erste Lüge.

Die Stadt trug Masken, Feste und Befehle. Das Fest der Wolfsköpfe lag kaum zurück, das Fest der Brennenden Sonne stand bevor. Freude war hier keine Stimmung. Freude war Pflicht. Auf dem Marktplatz standen Zeichen des Barons, und in den Gesichtern der Menschen lag dieses erschöpfte Lächeln, das man zeigt, wenn sogar Traurigkeit beobachtet werden kann.

Die Gefährten gaben sich als Gäste des Barons aus: Priester, Paladin, Gelehrter. Es war keine perfekte Tarnung. Michal sah zu wenig nach höfischem Paladin aus und zu sehr nach einem Mann, der Türen mit der Schulter öffnete. Heinard konnte Würde tragen, aber keine falsche Fröhlichkeit. Malduk dagegen war als Gelehrter glaubwürdig, solange niemand erwartete, dass Gelehrte freundlich sein mussten.

Sie brachten Freek und Faddey zum St. Andrals Waisenhaus.

Dort saßen Kinder mit Augen, die mehr sahen, als Kinder sehen sollten. Claudia Belasco liebte sie, aber Liebe schützte nicht gegen alles. Milivoj war verstrickt, Felix trug den Schatten eines Dämons, und die Luft im Haus hatte jene Kälte, die nicht von offenen Fenstern kam.

Michal ging zu den Kindern in die Hocke, damit sie nicht zu ihm aufsehen mussten. Seine Stimme wurde rauer, bodenständiger, fast beiläufig.

"Keiner fasst euch an, solange wir hier sind. Verstanden?"

Ein Kind nickte.

"Gut. Dann fangt ihr an zu erzählen."

Heinard bewegte sich durch die Räume, langsam, prüfend, den Blick auf Gesichter und Ecken. Wenn er vor einer Tür stehenblieb, hatte man das Gefühl, nicht nur Holz werde untersucht, sondern alles, was dahinter geschehen war. Malduk schlich nicht aus Leidenschaft. Er schlich, weil laute Menschen weniger erfahren. Er fand Spuren von Magie, Lebensraub, falscher Wärme.

Das Waisenhaus war kein Schlachtfeld, und gerade deshalb war es schwerer.

Milivoj hatte aus Armut und Verzweiflung die Knochen des St. Andral gestohlen und verkauft, um verschwundene Jungen retten zu lassen. Falsch. Verständlich. In Barovia waren das oft zwei Seiten derselben Wunde.

Der Kampf gegen den Dämon war kein großer Kampf im äußeren Bild, aber tief im Inneren. Es ging nicht darum, eine Bestie niederzuschlagen. Es ging darum, ein Kind nicht als Gefäß, Werkzeug oder Beweisstück zu behandeln. Heinard hielt an der Seele fest, Michal an der Wirklichkeit, Malduk an den Strukturen des Zaubers. Als grelles Licht kam und danach ein gemeinsames Mahl, war es kein Ende der Finsternis. Nur ein Stück Menschlichkeit, das sie ihr abgerungen hatten.

Danach führte die Spur zur St. Andrals Kirche, zum Sargmacher, zu Vampiren, zu einer dämonisch versiegelten Truhe und zurück zu den Knochen. Vater Lucian Petrovich sprach von alten Wunden der Stadt, von Lady Fiona Wachter, heiligem Boden und Zeichen, die Menschen von innen her verdarben.

Als die Kirche später zum Schauplatz eines Gemetzels wurde, verstand keiner von ihnen Vallaki noch als Zuflucht. Die Stadt war ein Knoten. Baron, Wachter, Kirche, Izek, Vasili, Strahd und Ireena zogen an denselben Fäden.

Und irgendwo in diesem Knoten standen drei Männer aus Eichenfurt und versuchten, nicht selbst zu Fäden zu werden.

Kapitel 8 - Träume, Gespräche und verlorene Sicherheiten

Nach dem Kampf kamen heilende Träume.

Michal stand wieder in der Schmiede. Der Amboss glühte, Feuerinsekten krochen aus dem Chaos, und eine kleine Silhouette rief um Hilfe. Der Traum roch nach Kohle und Angst. Er wachte nicht weicher auf, aber wacher. Träume mochten Bilder benutzen, doch manchmal sagten sie einem nur, was man ohnehin wusste: Irgendwer war immer eingeschlossen. Irgendwer musste die Tür aufbrechen.

Malduks Traum führte tiefer. Zu Einsamkeit, Verlust und Cataryma. Dann mischte sich Ireenas Gesicht hinein. Das war unzulässig. Unsauber. Schmerz aus einem früheren Leben hatte sich nicht mit der Gegenwart zu vermengen, nur weil beide dieselbe Wunde berührten. Malduk hätte diesen Gedanken gern mit ausreichender Strenge beendet. Es gelang ihm nicht.

Michal sah, was Malduk verbarg: einen verlorenen Menschen, verbarrikadiert hinter Schärfe, aber nicht ohne Hoffnung.

Am Morgen sprachen sie. Nicht vollständig. Männer wie sie legten ihre Herzen nicht auf den Tisch, als seien es Werkzeuge, die man gemeinsam reinigte. Aber sie sagten genug.

Malduk erzählte Ireena von seiner Frau. Ireena sah auf das Medaillon und sagte, sie kenne es, als erinnere sie sich. Später zerstörten die Gefährten ein altes Bauernhaus, eine Spinnenkreatur und eine Truhe mit Strahds Siegel. Das Zeichen wehrte sich. Als es zerriss, schrie etwas auf.

Michal ging auf ein Knie und betete: "Strahds Feinde, steht auf gegen ihn."

Ob jemand antwortete, blieb unklar.

Aber die Worte waren in der Welt.

Arc VII - Das Haus des Burgomeisters

Kapitel 9 - Der Baron bittet zu Tisch

Am Kirchentor drohte Revolte. Izek Strazni wollte sie wegen Feuer und Kisten zum Burgomeister bringen. Heinard widerstand der Magie eines Schreibens, und Izek wurde wütend. Dann erschien Vasili von Holtz, elegant, ruhig, gefährlich. Er beruhigte die Lage mit jener glatten Hilfe, die nie ganz wie Hilfe wirkte.

Beim Schneider fand Malduk Ireena in einem weißen Kleid mit goldenem Spitzenbesatz. Ihr Hirsch-Medaillon war verschwunden. Ihre Augen waren dunkler. Der Hunger kehrte zurück. Malduk sagte nichts sofort. Er sah zu lange hin, und das war bei ihm bereits ein Geständnis.

Das Haus des Burgomeisters lag düster da, mit blindem Glas, schwarzem Schimmel und einem Garten, der nicht verwildert wirkte, sondern vernachlässigt aus Trotz. Lydia Vallakovich empfing sie höflich und gebrochen. Im Inneren warteten Baron Vargas Vallakovich, Victor Vallakovich, Izek, Hunde, Diener und später Vasili.

Malduk erzählte von Haus Alkir und übergab Izek eine Opferliste. Zwei Namen trugen den Nachnamen Strazni.

Izek nahm das Papier zuerst wie etwas Unwichtiges. Dann las er. Seine Finger hörten auf, stark zu sein. Das Blatt zitterte. Seine Schultern blieben breit, sein Gesicht hart, aber in seinen Augen war plötzlich ein Kind, das zu spät erfahren hatte, woher sein Schmerz kam.

"Meine Eltern", sagte er.

Für einen Moment war er kein Werkzeug. Nur ein Mann mit einer Wunde.

Dann zerschlug Victor die Menschlichkeit mit Spott. Vargas schlug Lydia. Ireena wollte eingreifen. Heinard hielt sie zurück, nicht sanft, aber mit einer Verzweiflung, die sagte: Noch nicht. Nicht hier. Nicht so.

Beim Essen wurde jede Höflichkeit zur Drohung. Ireena saß zwischen Izek, Vasili und dem Baron. Als Strahds Name fiel, ließ Lydia ihr Besteck fallen. Vasili sprach ein schönes, falsches Gebet. Heinards eigenes Gebet scheiterte, und dieser Fehlschlag traf ihn stärker, als er zeigte. Malduk spürte Nekromantie und Dämonologie. Michal aß, als müsse man in einem feindlichen Haus wenigstens den eigenen Körper bei Kräften halten.

Malduk sprach leise mit Lydia über ihren Bruder, Frau Rikalova und Udo. Er beugte sich nicht vertraulich zu ihr. Das hätte sie gefährdet. Er ließ die Worte fallen wie kleine, prüfbare Steine. Lydia antwortete vorsichtig. An ihrem Hals lagen blaue Flecken. Sie bestätigte, dass Udo im Haus festgehalten werde. Zugleich verteidigte sie Vargas, bevor sie richtig angeklagt war, weil Menschen in solchen Häusern lernen, den Schlag schon abzufangen, bevor er kommt.

Vargas beobachtete sie.

Das Trinkspiel machte alles schlimmer. Wahrheit oder Trinken. Vargas behauptete, Lydia liebe ihn nicht. Ihr Glas fiel. Sie trank Kartoffelschnaps aus einem Wasserglas, als könne Alkohol eine Strafe abwenden. Victor war zynisch, gefährlich klug und von einer Art Verachtung erfüllt, die nur in Häusern wächst, in denen niemand heil aus der Kindheit kommt.

Kapitel 10 - Die Dunkelheit argumentiert

Später erwachte der Baron.

Ein Ring glomm, schwarzes Licht brach hervor, Harnisch und Rapier summten. Die Hunde wurden zu Flammenhunden. Vargas flüsterte: "Alles wird gut."

Das Haus erbebte.

Michal riss ihn zu Boden. Nicht elegant. Nicht ritterlich. Er warf sich hinein, Schulter voran, und der Aufprall ließ Porzellan springen. Malduk schleuderte einen Tisch, weil Möbel in einem Kampf gegen Wahn erstaunlich nützlich sein können. Heinard hielt Täuschung und Bewegung am Leben, sprang zwischen Schutz und Angriff, und seine Gebete klangen inzwischen weniger wie Bitte als wie Widerstand.

Izek kam mit Wachen und verbrannte eine Tür zu Asche. Draußen verbrannte er einen Menschen. Im Haus drückten sich menschliche Konturen aus den Wänden. Um Vargas lag etwas Schwarzes, Grobes, Geflügeltes.

Victor öffnete Kreise und Risse. Etwas aus dem Bernsteintempel antwortete. Die Dunkelheit sprach nicht wie ein Monster. Sie argumentierte. Sie bot Ordnung, Schutz, Macht, Heilung. Sie kroch in Victor. Sie griff nach Malduk. Sie versuchte Heinard. Sie sprach zu Michal vom Tyrannen und den Schwachen.

Das Haus wurde Fleisch, Falle und Feind.

Malduk schlug gegen Ritualkreise, nicht mit der Wut eines Kämpfers, sondern mit der Beleidigung eines Fachmanns, der eine gefährliche Konstruktion erkennt und zerstören muss. Heinard hielt sich an Jelen fest, obwohl die Dunkelheit gerade die Sprache der Vernunft benutzte. Michal blieb dort stehen, wo andere zurückgewichen wären, und das war keine Dummheit. Es war seine Art zu sagen, dass Angst nicht entscheidet, wer schutzlos bleibt.

Victor verlor ein Bein. Izek verhörte sie. Ireena veränderte sich und wurde zurückgeholt.

Sie überlebten.

Aber niemand kam unverändert aus diesem Haus.

Intermezzo - Was das Haus bewirkte

Das Haus des Burgomeisters nahm keine Leben, nicht endgültig.

Es nahm Sicherheiten.

Heinard sah, dass Gebete scheitern konnten und trotzdem weitergesprochen werden mussten. Michal sah, dass ein Mann wie Izek zugleich Täter, Opfer und Gefahr sein konnte. Malduk sah, dass die Dunkelheit nicht nur mit Gewalt kam. Sie kam mit Argumenten. Mit Ordnung. Mit Sätzen, die beinahe vernünftig klangen.

Das war schlimmer.

Eine Lüge, die wie Wahnsinn klingt, lässt sich leicht bekämpfen. Eine Lüge, die wie eine Lösung klingt, wartet im Kopf.

Arc VIII - Jelens Flamme

Kapitel 11 - Der Mann mit dem brennenden Arm

Am Morgen des Fests der Brennenden Sonne war Vallaki ein Fass aus Öl, Angst und nassem Holz.

Heinard stellte sich Izek entgegen und suchte nicht die Waffe, sondern den verletzten Menschen. Er ging mit langsamen Schritten auf ihn zu, obwohl jeder in der Nähe sehen konnte, dass Izek ein Mann war, der Menschen mit einer Hand töten konnte. Mit jedem Schritt nahm Heinard der Gewalt ein wenig Raum. Nicht, weil sie verschwand. Weil sie endlich angesehen wurde.

Michal und Malduk setzten ihren Plan in Bewegung. Izeks dämonischer Arm wurde abgetrennt. Udo trat ins Spiel. Nichts daran war sauber. Nichts daran war leicht. Aber in Vallaki war längst zu viel Gewalt geschehen, damit ein reines Werkzeug noch gereicht hätte.

In der St. Andrals Kirche betete Heinard mit reinigendem Feuer. Er kniete nicht weich. Er kniete wie einer, der den Boden festhalten muss, damit er nicht unter den Toten wegbricht. Aus Blut und Glauben entstand Jelens Flamme, eine silberne Flamme mit einem Splitter vom Knochen des St. Andral. In ihrem Licht lag keine Gemütlichkeit. Es war ein Licht, das Wunden zeigte, bevor es sie schloss.

In einer Vision der Nacht sahen sie, was geschehen würde, wenn Vampirismus und Angst sich ausbreiteten. Heinard rang mit seinem Glauben und bezwang, was an Ireena und Vallaki zu zerbrechen drohte. Malduk beobachtete, wie Glauben wirkte, und verabscheute ein wenig, dass er keine vollständige Erklärung dafür hatte. Michal nahm die Erklärung hin, die zählte: Es half.

Dann kam der Marktplatz.

Arc IX - Die Brennende Sonne

Kapitel 12 - Der Tiger

Die Bastsonne rauchte schwarz.

Für einen Atemzug verstand die Menge nicht, was das bedeutete. Dann ging ein Flüstern durch den Platz. Wachen standen an den Rändern, Armbrüste bereit. Baron Vargas stand auf dem Podest, Lydia neben ihm, Ireena in seiner Nähe, bleich und ohne Medaillon. Freude war befohlen worden, aber Wetter, Holz, Stadt und vielleicht sogar die Götter weigerten sich, mitzuspielen.

Ein Mann lachte.

Es war kein großer Aufstand. Nur ein falscher Laut zur falschen Zeit. Vargas ließ ihn niederwerfen und machte Michal öffentlich zu seinem Hauptmann und Scharfrichter. Michal stand da, das Gesicht hart. Der Baron wollte ihn benutzen wie eine Axt. Michal wusste, wie es sich anfühlte, eine Axt in der Hand zu halten. Er wusste auch, dass Stahl nicht entscheidet, wohin er fällt.

Dann brach der Säbelzahntiger aus.

Panik riss durch die Menge.

"Runter!", brüllte Michal.

Der Tiger war kein Tier aus einem Wald. Er trug Rüstung mit Runen, kunstvoll und gut geschaffen, und seine Muskeln arbeiteten unter dem Fell wie gespannte Seile. Menschen stürzten. Holz krachte. Ein Wachmann schrie. Heinard drehte sich, Jelens Flamme hell an seiner Seite. Malduk sah gleichzeitig Ireena, Vargas, Izek, den Tiger, die Wachen, die Fluchtwege und kam zu dem Ergebnis, dass die Situation unverschämt viele Katastrophen gleichzeitig enthielt.

Ireenas Augen wurden schwarz. Fänge wuchsen. Vargas hielt sie wie Besitz.

"Izek!", rief Malduk. "Schütz sie!"

Etwas in Izek brach frei. Sein Arm flammte golden auf. Er packte Vargas. Aus dem Rücken des Barons brachen schwarze Flammen.

Malduk wurde Nebel. Er glitt durch Schutz und Kleidung, stahl dem Baron den Ring und verwandelte Ireena in Nebelgestalt. Sie wehrte sich, nicht wie jemand, der gerettet wird, sondern wie jemand, der spürt, dass er sich selbst verliert.

"Ich verliere mich!", schrie sie.

Heinard wurde vom Tiger niedergerissen.

Zähne an seiner Kehle.

Für einen Moment war da nur Blut, Fell und der schreckliche Druck eines Körpers, der stärker war als jedes Gebet. Dann brach Heilung aus ihm hervor. Nicht sanft. Gewaltig. Ein Lichtstoß aus einem Mann, der noch nicht bereit war, auf dem Marktplatz zu sterben.

Michal kam von der Seite.

Er dachte nicht in schönen Worten. Tiger. Abstand. Heinard weg. Axt hoch.

Der Lichtbringer glühte blau. Die Henkersaxt lag schwer in seiner Hand, schwarz am Kopf, weiß in den Intarsien, hungrig an der Schneide. Er schlug. Der Tiger wich. Michal folgte. Noch ein Schlag. Blut. Ein Brüllen, das durch die Menge fuhr und selbst die Panik kurz ordnete.

"Heinard, weg!"

Heinard rollte, ein Stück zu langsam, aber schnell genug. Michal hob die Axt.

Der Hieb fiel.

Der Tiger verlor Kopf und Leben. Die Axt trank Blut.

Auf dem Podest verbrannten Vargas und Izek. Lydia schrie. Der Baron, der Vallaki zum Lächeln gezwungen hatte, fiel in Feuer und schwarzem Rauch. Izek fiel mit ihm, Rache und Opfer in einem einzigen, brennenden Körper.

Der Ruf ging durch die Menge.

Der Baron ist tot.

Kapitel 13 - Nach dem Feuer

Ein Tod macht in Barovia keinen Frieden.

Vallaki brannte. Menschen rannten mit Eimern, andere mit Messern, wieder andere nur mit Angst. Die Wachters traten aus den Schatten, als hätten sie immer schon dort gewartet. Vasili erschien, rettete ein Kind, nickte Michal mit wissendem Lächeln zu und verschwand. Nichts an ihm war zufällig. Nicht einmal seine Hilfsbereitschaft.

Ireena riss sich aus dem Nebel.

Sie war hungrig. Verwandelt. Gerettet und bedroht zugleich.

Sie fiel Malduk an. Ihre Fänge trafen seine Nebelgestalt, als wäre sie fest, und rissen an seiner Lebensessenz. Malduk hatte keine Zeit für eine Theorie darüber, warum das möglich war. Nur für Schmerz. Kalten, persönlichen, beleidigenden Schmerz.

Heinard, blutüberströmt und leuchtend, wandte sich von Karl Wachter ab und lief zu seinem Gefährten. Nicht würdevoll. Nicht priesterlich langsam. Er lief, weil Malduk fiel.

Michal stand auf dem Podest. Er hob den blutigen Schädel des Tigers. Ein Blitz erhellte den Himmel. Der Lichtbringer glühte. Für einen Augenblick sahen alle zu ihm: die Wachen, die Bürger, die Kinder, die Lügner, die Verzweifelten. Seine Stimme war heiser, aber sie trug.

"Löscht das Feuer! Wer stehen kann, hilft! Wer eine Waffe gegen Nachbarn hebt, kriegt es mit mir zu tun!"

Das war keine Rede. Das war Michal. Kurz, brauchbar, nicht verhandelbar.

Strahd herrscht noch immer. Die Dunkelheit hat eine Stimme. Vallaki ist frei von Vargas und doch nicht frei. Ireena ist gerettet und gefährdet zugleich. Victor lebt beschädigt und gefährlich. Lydia hat den Tyrannen verloren, aber nicht automatisch eine Zukunft gewonnen.

Und die drei Männer aus Eichenfurt sind keine Nachbarn mehr.

Michal trägt Licht und Axt, Urteil und Mitleid. Heinard trägt Jelen in eine Welt, die Licht nicht freundlich empfängt. Malduk trägt Wasser, Nebel, Schuld, Liebe zu Toten und eine gefährliche Nähe zur Dunkelheit.

Sie sind nicht rein. Nicht sicher. Nicht ungebrochen.

Aber sie sind Gefährten.

In Barovia ist das kein warmes Wort. Es ist eine Waffe: schwer zu tragen, oft blutig, und manchmal das Einzige, was die Nacht nicht versteht.